Überläufer oder Geheimdienstopfer?

Gut ein Jahr nach seinem Verschwinden ist der iranische Atomphysiker Schahram Amiri aus den USA in sein Heimatland ausgereist. Er will berichten, wie er von US-Geheimdiensten entführt wurde. Die USA dementieren die Geschichte heftig.

TEHERAN – Sicher ist nur, dass Schahram Amiri am Mittwoch auf dem Weg in seine Heimat war. Ansonsten ist die Geschichte um den iranischen Atomphysiker, der vor 13 Monaten auf einer Pilgerfahrt in Saudi Arabien plötzlich verschwand und jetzt in Washington ebenso plötzlich auftauchte, so nebulös wie bizarr. Der Iran und Amiri selbst sprechen von einer Entführung durch US-Geheimdienste. Anonyme amerikanische Geheimdienstler sprechen dagegen von einem Überläufer, der nun kalte Füße bekam.

Am Montag war Amiri in Washington mit einem Taxi vor der pakistanischen Botschaft in Washington vorgefahren, die seit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und dem Iran in der US-Kapitale die Interessen der Islamischen Republik vertritt. Stunden später gab er dem iranischen Staatsfernsehen ein Interview, in dem er erklärte, die USA hätten ihn stillschweigend in den Iran abschieben wollen, um seine Entführung zu vertuschen. Nach seiner Ankunft in der Heimat werde er alle Einzelheiten mitteilen.

Interessantes Wissen

Schon kurz nachdem Amiri Anfang Juni 2009 in Saudi Arabien verschwunden war, hatte Teheran den US-Geheimdienst CIA für die angebliche Entführung des Atomphysikers verantwortlich gemacht. Im Iran arbeitete der 32jährige Strahlenexperte an der Technischen Universität Malek Ashtar, die den Revolutionären Garden nahe stehen soll. Die Revolutionären Garden beaufsichtigen auch Irans umstrittenes Atomprogramm. Sein Wissen über dieses Programm war es wohl auch, was Amiri für Washington interessant machte.

Laut der jetzt von amerikanischen Geheimdienstlern verbreiteten Version nutzte der Atomphysiker die Pilgerfahrt nach Saudi Arabien, um sich ins Ausland abzusetzen. Kurz darauf sei er in die USA gebracht worden, zitierten US-Medien anonyme CIA-Beamte. Dass es sich um eine Entführung gehandelt haben soll, bestreitet US-Außenministerin Hillary Clinton entschieden: Amiri sei „aus freien Stücken“ in die USA gekommen, sagte Clinton jetzt. Den CIA-Quellen zufolge lieferte Amiri dem US-Geheimdienst wichtige Informationen über das iranische Atomprogramm. Allerdings sei er als Strahlenexperte, der sich mit der Sicherheit von Mitarbeitern in iranischen Atomanlagen befasste, keine Schlüsselfigur gewesen.

Diesen Angaben zufolge wurde Amiri Teil des „Brain drain“-Programms, mit dem die CIA versucht, iranische Atomexperten abzuwerben. In den USA soll er in ein geheimes Umsiedlungsprogramm aufgenommen worden sein, um seine Identität zu schützen. Seit dem Frühjahr sei er jedoch zunehmend um Frau und Kind besorgt gewesen, die im Iran zurückblieben. Angst um die Familie soll ihn nun zur Rückkehr bewogen haben.

Dramatische Version per Video

In einem Anfang Juni aufgetauchten Amateurvideo hatte ein Mann, der sich als Amiri ausgab, eine deutlich dramatischere Version geschildert. Demnach wurde er im saudischen Medina in einer „gemeinsamen Operation der Terror- und Entführungseinheiten“ des saudischen und US-Geheimdienstes mit Drogen vollgepumpt, in die USA gebracht und dort in Verhören schwer gefoltert. Kurz darauf tauchte ein zweites Video auf, in dem ein Mann, der sich als Amiri vorstellte, versichert, er befinde sich aus freien Stücken in den USA. Allerdings sagte er auch: „Ich bin Iraner, und ich habe keine Schritte gegen mein Heimatland unternommen.“ Zwei Wochen später behauptete offenbar der gleiche Mann in einem dritten Video, er sei seinen Entführern entkommen, halte sich aber noch in den USA auf: „Ich bin nicht aus freien Stücken hier und habe keine Erlaubnis, mit meiner Familie in Kontakt zu treten.“

Auch sein plötzliches Auftauchen in Washington war von Widersprüchen und filmreifer Dramatik gekennzeichnet: Laut US-Außenministerium wollte Amiri die USA bereits am Montag verlassen, konnte die Reise aber aus nicht näher erläuterten organisatorischen Gründen nicht antreten. Am Dienstag „floh“ er dann in die pakistanische Botschaft. Am Mittwoch war er laut iranischem Außenministerium auf dem Weg in die Heimat. Was Amiri dort erwartet, ist unklar. US-Medien erinnerten an den Schwiegersohn des irakischen Dikators Saddam Hussein, Hussein Kamel, der 1995 nach Jordanien floh, westlichen Geheimdiensten wichtige Informationen über Iraks Biowaffenprogramm lieferte, 1996 aber nach Bagdad zurückkehrte. Der Diktator hatte ihm angeblich vergeben. Kurz darauf wurde Kamel erschossen.

Kölner Stadt-Anzeiger

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bundesnachrichtentube

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s