Anhaltende Spionage zwischen Russland und den Westmächten für eine neue Weltordnung

Eine peinliche Situation für die Administrationen Russlands und der USA während einer Phase der Annäherung Medwedews und Obamas: Weniger als eine Woche, nachdem der russische Präsident Washington besucht hatte im Zuge eines “Neuanfangs” in den politischen Beziehungen der beiden Supermächte, wurde vom US-Justizministerium die Verhaftung von zehn Männern und Frauen an der Ostküste gemeldet, die Teil eines “auf Dauer angelegten” russischen Spionagerings sein sollen.  Den Verhafteten, zu deren Auftrag die Infiltrierung von politischen Kreisen gehört haben soll, werden mehrere Anklagepunkte vorgeworfen. Russlands Außenministerium reagierte mit Empörung und Gegenvorwürfen; die Verlautbarungen des US-Justizministeriums seien “bedauerlich” und erinnerten “an den Geist der Spionagemanie des kalten Krieges”.

“Solche Handlungen sind völlig haltlos und dienen unschicklichen Zielen,”

hieß es auf der Webseite des Ministeriums. Einige Medienorgane in der westlichen Hemisphäre versuchen bislang, die Situation herunterzuspielen unter Betonung  der angeblichen Harmlosigkeit der verhafteten Individuen. Spekulationen richten sich gegen konservative Kreise, die angeblich eine Annäherung an Russland und das START-Abrüstungsabkommen torpedieren wollen. Darüber, dass elektronische Spionage sowie die klassischen Spionageaktivitäten von beiden Seiten nach wie vor ausgiebig genutzt werden, sollte man sich keine Illusionen machen. Die Staatsanwaltschaft in New York verlautbarte, dass man weitaus mehr Beweise gegen den Spionagering hätte als bislang veröffentlicht wurde. Enttarnt sind die Agenten auf jeden Fall und die amerikanische Spionageabwehr wird sich ungern zu tief in die Karten schauen lassen, wieviel und welches Material sie gesammelt hat.

Der Akademiker Juan Lazaro wurde zusammen mit seiner Frau Vick Palaez, einer Zeitungskolumnistin, verhaftet und gestand ein dass er von einem russischen Nachrichtendienst bezahlt werde. Laut seiner falschen Legende stammt er aus Uruguay, Wanzen des FBIs zeichneten jedoch auf wie er seiner Frau erzählte, dass seine Familie während des zweiten Weltkriegs nach Sibirien geflohen war. Er verweigert weitergehende Auskunft über seine Tätigkeiten und stellt seine Treue für “den Dienst” sogar über seinen Sohn. Ein Angeklagter namens Mikhail Semenko wohnte in Arlington und fuhr einen teuren Mercedes. Richard und Cynthia Murphy hatten versucht, Bindungen zu einflussreichen Personen aus der Politik und der Finanzwelt zu knüpfen. In klassischer Agentenmanier hatte Donald Heathfield seinen Namen von einem Kanadier gestohlen, der im Jahr 1963 mit nur sechs Monaten verstorben war.

Bei dem derzeitigen Informationsstand von “Amateuren” zu sprechen, ist völlig fehlgeleitet. Die Geschichte ist voller solcher Agenten, deren falsche Identitäten langfristig aufgebaut werden und die lange Zeit eher unauffällig sind, sich akklimatisieren, soziale Bindungen knüpfen, solide Berufe ausüben, regelmäßig zu Trainingszwecken Informationen sammeln und mit ihren Verbindungsleuten Kontakt aufnehmen. Langsam und stetig ist der Weg, um irgendwann einmal wichtige Kreise und Organisationen zu infiltrieren; schließlich muss man oft eine Hintergrundprüfung bestehen.

Deep Cover

Mit einem einzigen gutplazierten Spion spart man sich beispielsweise das mühselige Brechen von Verschlüsselungssystemen oder das Abhören und Analysieren von Unmengen an Datenverkehr.

Anfang bis Mitte der 1930er Jahre galt als die Zeit der “großen Illegalen” in den Vereinigten Staaten; einige der fähigsten Agenten waren nicht einmal gebürtige Russen, sondern kosmopolitische, mehrsprachige Mitteleuropäer die für die Komintern im Untergrund gearbeitet hatten bevor sie sich der Tscheka anschlossen und den visionären Glauben an ein kommunistisches Utopia teilten. Arnold Deutsch, der Hauptanwerber von Studenten und Jungakademikern an der Eliteuniversität Cambridge, war ein österreichischer Jude. Nach einer Reihe eher kleinerer Aufträge brillierte er bei seiner Mission in Großbritannien, seine Rekruten landeten alle später im britischen Außenministerium oder im britischen Geheimdienst. Seine Rolle wurde erst 1990 offiziell vom KGB eingestanden; viele Details sind noch geheim. Der erfolgreichste Illegale des russichen militärischen Nachrichtendienstes war lange Zeit der Deutsche Richard Sorge. Erfolgreich beschaffte man diplomatische Chiffrierschlüssel und Dokumente von korrumpierbaren Leuten, die nicht von einer Ideologie, sondern von Geld und Sex angetrieben wurden. Der Verführer Dmitri Bystroletow (Codename HANS und ANDREJ) umgarnte weibliche Angestellte in den Büros wichtiger Einrichtungen; 1927 gelangte er über eine 29-jährige Angehörige der französischen Botschaft an diplomatische Chiffrierschlüssel und geheime Mitteilungen.

Zu den sogenannten “Selbstanbietern” während dem kalten Krieg gehörte Corporal James Morrison von der kanadischen RCMP; er bot dem KGB seine Dienste für zunächst 5000 Dollar an und verriet mit seinen Informationen u.a. den russischen Agenten Jewgeni Brik, der nach langer Zeit zu den Kanadiern übergelaufen war und dafür schließlich von den Russen nach Moskau gelockt und verhaftet wurde. Der Überläufer Robert Lee Johnson war ein unzufriedener und verschuldeter Sargeant der US Army. Als Bewacher der Kurierzentrale der US Army auf dem Pariser Flughafen Orly, eine der Hauptschnittstellen des geheimen militärischen Kommunikationssystems, übergab er 1600 Seiten an Material an die Russen: Chiffren und Tagestabellen für die Codemaschinen Adonis, KW-9 und HW-18, die Operationspläne des Oberkommandos der US-Streitkräfte in Europa, Dokumente über die Produktion von Atomwaffen und weiteres sensibles Material. Zum Verhängnis wurde Johnson, dass es auch auf der anderen Seite Unzufriedene gab; er wurde 1964 aufgrund eines Hinweises des russischen Überläufers Nosenko festgenommen. Zwei NSA-Bedienstete namens Mitchell und Martin waren dermaßen überzeugt davon, dass die Sowjetunion der bessere Ort zum Leben sei, dass sie nicht nur zu den Sowjets überliefen, sondern gleich auch übersiedelten. Schnell machte sich eine tiefe Ernüchterung breit, da war es allerdings bereits zu spät. Zu den aktuelleren Fällen zählt Herman Simm, er arbeitete von 1995 bis zu seiner Festnahme am 19. September 2008 als Agent des russischen Geheimdienstes SWR. Der SPIEGEL berichtet:

“Während dieser Zeit stieg er im estnischen Verteidigungsministerium auf zum Chef der nationalen Sicherheitsbehörde und organisierte den Nato-Beitritt Estlands. Simm hatte Zugang zu geheimsten Dokumenten. Im Ministerium war er unter anderem zuständig für die Sicherheitsüberprüfung von Mitarbeitern, Geheimhaltung und Verschlüsselungstechnik.

Bis 2002 arbeitete Simm zeitweise auch für den deutschen Bundesnachrichtendienst. Am 25. Februar 2009 wurde er zu zwölfeinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt.”

Sein größter Scoop wäre die Lieferung aller enttarnten russischen Spione innerhalb der Nato gewesen, quasi das gesamte Wissen der Spionageabwehr.

Glorifizierung

Nicht nur in Russland sehen wir eine Glorifizierung der Spionage und Nachrichtendienstveteranen in politischen Schlüsselpositionen. Die Schauspielerlegende Robert DeNiro wagte sich 2006 für “Der gute Hirte” an die elitäre Geheimgesellschaft “Skull and Bones” und deren Einfluss auf den Geheimdienst OSS sowie den Nachfolger CIA. Während dem US-Präsidentschaftswahlkampf 2004, bei dem je ein “Bonesman” von der demokratischen und der republikanischen Partei gegeneinander angetreten waren, erregte die ungewöhnliche “Studentenverbindung” Aufmerksamkeit in den Massenmedien. George Walker Bush und Senator John Kerry wechselten bei einer Nachfrage schleunigst das Thema:

Der Zuschauer verfolgt in “Der gute Hirte” das Leben des Yale-Studenten Edward Wilson (Matt Damon) von seiner bizarren, rituellen Aufnahme in die Verbindung Skull and Bones und somit das angloamerikanische Establishment bis hin zum Bau des CIA-Hauptquartiers in Langley/Virginia. Seine Ehe und die Beziehung zu seinem Sohn sind eine Katastrophe, das Agentendasein ist geprägt von Paranoia und Verrat, aber dennoch kann er nicht ablassen von seinem Kampf gegen das Nazi-Regime und später die Sowjetunion. Obwohl der zweite Weltkrieg eine bedeutende Stellung im Film einnimmt, sieht man praktisch keine regulären Kampfhandlungen. Wie in Soldatenuniform auf dem Schlachtfeld gekämpft wird, sieht man in zahllosen Kriegsfilmen, während sich “Der gute Hirte” konzentriert auf die Spione; diejenigen deren Handlungen nicht nur vor dem Feind verborgen bleiben sollen, sondern wegen der oft illegalen Geheimoperationen auch vor der eigenen Bevölkerung zu Hause. Der Zuschauer erhält den Eindruck, als betrachte er die Elitekrieger und Wächter der freien Welt. Menschen die alles aufopfern aber beharrlich weiter ihre Pflicht tun, damit die gewöhnlichen Bürger ruhig schlafen und ein Familienleben genießen können. Man wird ermuntert, im Hinblick auf die Bonesmen und die CIA über Folter, Mord, illegale Staatstreiche im Ausland und Korruption hinwegzusehen, denn immerhin bekämpften die Bonesmen doch Nazis und Sowjets. Man verbindet Bones-Familien wie Bush, Aldrich, Harriman, Kellog, Rockefeller und Vanderbilt eigentlich mit Begriffen wie Raubbarone und Geldadel, praktisch das Gegenteil eines freien Marktes und einer rechtsstaatlichen Gesellschaft mit fairem Wettbewerb, bei dem Tugenden zählen an Stelle von Herkunft und Familienvermögen. Wieviele Bürger in den USA und dem Rest der sogenannten freien Welt halten insbesondere nach 9/11 letztendlich das Argument für ausschlaggebend, dass man Freiheit und Recht nun einmal opfern müsse zugunsten der Sicherheit? Verdienen Leute wie die Bonesmen nicht für ihren Kampf gegen Nazis und Sowjets die Positionen der Macht die sie innehalten und den traumhaften Reichtum? Man sollte für die Beantwortung dieser Frage wohl kaum einen Hollywood-Film als Grundlage hernehmen. Die überaus akribischen Recherchen des Historikers Antony Sutton stellen die Darstellungen in “Der gute Hirte” völlig auf den Kopf: Skull and Bones ist eben nicht eine uramerikanische Einrichtung, auf die die freie Welt angewiesen war bzw. ist. Es handelt sich stattdessen um die einflussreiche Abteilung einer internationalen Geheimgesellschaft, die ihre Herrschaft durch gezielt geschürte Krisen ausweitet. Es waren ausgerechnet Bonesmen gewesen, die die sozialistischen Revolutionen in Deutschland und Russland finanziert hatten. Über Banken wie Guaranty Trust Company, Union Banking Corporation und Brown Brothers Harriman floss dringend benötigtes Geld an die Führungsriege der NSDAP und die Revoluzzer unter Lenin. Mit Geld aus dem Ausland, Know How und industriellen Gütern konnten das geschlagene Deutschland und das technisch weit hinterher hinkende Russland eine Kriegsmaschinerie aufbauen die die Welt noch nicht gesehen hatte. Zwei Drittel von allen großen sowjetischen Industrieprojekten wurden durch amerikanische Hilfe ermöglicht, der Rest kam zustande durch Briten, Deutsche, Franzosen, Italiener und andere.

Neue Weltordnung

Die Beziehungen heute zwischen den zentralen Kräften in Russland, Europa und den USA sind wesentlich komplexer als es auf den ersten oder zweiten Blick den Anschein hat. Alle Blöcke sprechen auf ähnliche Weise davon, dass sie die Führungsrolle in einer “Neuen Weltordnung” einnehmen wollen. Ob der Bruch zwischen Ost und West tatsächlich bis in die höchsten Ebenen reicht oder ob einfach nur beabsichtigte Spannungen bestimmte Prozesse auf beiden Seiten beschleunigen sollen, ist derzeit schlicht nicht zu beantworten.

Die allgegenwärtige Spionage führt auf jeden Fall zu einer Auflösung von nationaler Souveränität und ermöglicht die Absorption sämtlicher Länder in eine neue Weltordnung, unabhängig davon wie die Namen derer lauten, die in dieser Weltregierung führende Posten einnehmen.

Infokrieg

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